Erinnerung an ein uraltes Fühlen

Ich erinnere mich an ein Früher, eine Liebe so fernab der jetzigen Zeit.
Wir wollten und durften doch nicht glücklich vereint zusammensein. Wir sehnten und liebten uns, und doch gehört die arme Person, die ich damals war, nicht in dein Leben, nicht in deinen Atemkreislauf der Zukunft.
Heute wäre alles so anders und einfacher.
Dein Status war weit über dem, was deine Familie als angemessen sah. Es passte nicht und wurde nicht geduldet. Nicht von deinen, nicht von meinen Eltern.
Du in Prunk und Pomp hineingeboren, versorgt mit allem, was das Leben zu bieten hatte und so viel mehr.
Ich hatte zwischen Holzwänden und dem Flair, der nach Hunger, Armut und Verzicht duftete, die damalige Zeit betreten.
Wir verzehrten uns aneinander, stahlen uns viele Momente der Zweisamkeit unter unserem Baum, weit ab vom Zuhause, nur in Gesellschaft aller Wesen der Natur.
Die gemeinsamen Momente prägten sich in all ihrem Reichtum in mich ein, wie kostbar glitzernde Diamanten. Mein Schatz, tief in mir verborgen; einziger Zeitzeuge ein mächtiger Baum, der wohl noch heute steht und unsere Initialen voller Weichheit und Fürsorge unter seiner harten Rinde beherbergt und seit Jahrhunderten beschützt.

Meine Seele erinnert sich an die Liebe und den Schmerz der Zeiten unter unserem Baum.
Was wurde alles versucht, um uns zu trennen, und ich fühle noch heute die Worte in mir, dass wir bei Nacht und Nebel türmen und all deinen Reichtum hinter uns lassen.
Ich war so liebesdumm und träumerisch und ahnte doch zwischen jedem deiner Worte deine Unsicherheit und deine Angst vor Armut und Verzicht. Damals, in der jugendlich unreifen und von Liebe verwirrten Denkweise, dachte ich, es sei deine Angst, mich zu verlieren, und das Beben deines Mutes, einfach mit mir auf und davon zu gehen.
Und so vergingen die Tage und nichts geschah von deiner Seite.
Wir trafen uns in all den kostbaren Momenten, und mit jeder meiner Fragen hast du die Entscheidung zum Gehen vor dir hergeschoben.

Und eines Tages sagtest du mir, dass es das letzte Treffen sei, da man dich verheiraten würde; versprochen warst du wohl schon lange an die reiche Gutsbesitzertochter.
Dass du es schon so lange wusstest, war ein mehr als schmerzhafter Verrat.
Ich bettelte und erniedrigte mich mit Worten, die darum baten, sofort mit mir zu fliehen.
Und du hast milde gelächelt, hast dich umgedreht und bist gegangen.

Meine Welt war fremd geworden voller Schmerz und betrogener Liebe, voller Sehnsucht und Hoffnung, dass du zurückfinden mögest.
Dann kam er, der Tag, an dem du ein Ehegatte wurdest.
Nicht der meine, sondern der einer wunderschönen, gebildeten und reichen Gutsbesitzertochter.
Damals schwor ich mir auf alle Zeiten, dich nie wieder an mich heranzulassen, egal wann oder wo und unter welchen Voraussetzungen auch immer.
Dieser Schwur lebt noch in mir, ebenso wie das Fühlen, welches ich damals mit in die Anderswelt genommen habe.

Ich sehe in meinen vergangenen Beziehungen Teile von dir: diese einzelne Stirnfalte, die sanften grünbraunen Augen, die Haare, die über deine Stirn hinweg immer am linken Auge kitzelten und die du ungeduldig weggewischt hast. Ich sehe es und meine Seele wird schwach.
Ich höre den Tonfall deiner Stimme von damals und werde heute noch schwach; ich sehe Augen, die lustig glitzern wie damals die deinen, und werde schwach.
Ich höre ähnliche Worte wie vor Jahrhunderten von dir und werde schwach. Und sobald Gefühle in mir erwachen, ziehe ich mich in Erinnerung an einen uralten Schmerz zurück und flüchte vor einer Beziehung, und ich höre in mir die Worte: „Ich schwöre, ich werde dich nie wieder an mich heranlassen.“

Und so verbringe ich allein mein Leben und fühle tief in mir Sehnsucht nach dir und die Angst vor diesem unendlich tiefen Schmerz und hoffe, dass deine Seele mir niemals begegnet – denn ich wäre zu schwach, einen uralten Eid aufrechtzuerhalten.

© Erika Flickinger

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